Angst und Alkohol
Über Alkohol wird viel gesprochen. Über Angst ebenfalls. Doch dass beides häufig Ausdruck desselben inneren Prozesses ist, findet erstaunlich wenig Beachtung.
Abhängigkeit beginnt aus meiner Sicht nicht mit einer Flasche. Sie beginnt lange vorher. Sie entwickelt sich dort, wo das Nervensystem über einen langen Zeitraum versucht, innere Zustände zu regulieren, für die es keine ausreichende Lösung gefunden hat. Alkohol ist deshalb selten die eigentliche Ursache. Er wird zu einer erlernten Regulationsstrategie.
Das erklärt auch, warum viele Menschen selbst nach dem Entzug weiterhin unter innerer Unruhe, Ängsten oder Panikattacken leiden. Der Alkohol verschwindet, aber die zugrunde liegenden Regulationsmuster bleiben bestehen.
Genau deshalb richtet sich meine Arbeit nicht in erster Linie gegen den Alkohol. Sie richtet sich auf den Menschen, der ihn irgendwann gebraucht hat.
Ich beschäftige mich nicht nur mit der Frage, wie Abhängigkeit beendet werden kann. Mich interessiert vor allem, warum sie entstehen konnte.
Für mich liegt die Antwort weder ausschließlich in Gedanken noch allein im Verhalten. Sie liegt in den Erfahrungen, die unser Nervensystem geprägt haben und bis heute beeinflussen. Wer diese Zusammenhänge versteht, betrachtet Angst, Panik und Abhängigkeit nicht länger als getrennte Probleme, sondern als unterschiedliche Ausdrucksformen desselben biologischen und psychischen Regulationssystems.